Reiseberichte
Aurelio de`Georgi Bertola (1753 - 1798)
- italienischer Geistlicher und somit “Beichtvater” der nachfolgenden Reiseschriftsteller - erkannte auf seiner ersten Rheinreise 1787 die erhabene Schönheit der Mittelrheinischen Landschaft. Fortan war er von dem Wunsch beseelt, alle Nuancen und Schattierungen dieses gottgewollten Stimmungsbildes in Worte zu fassen, die, wie er später zugab, nicht ausreichen konnten, einem Leser nahezubringen, was er gefühlt und gesehen hat. Sein 1795 erschienenes und 1796 ins Deutsche übersetzte Buch (Malerische Rhein-Reise von Speyer bis Düsseldorf) gehört an den Anfang der Pflichtlektüre eines jeden, der wissen möchte, was Rheinromantik einmal war.


Hier sein Bericht über Bacharach:
"Nahe bey Heimbach, einem Dorfe am linken Ufer des Rheines, sahen wir einige Gemüsegärten gleichsam unter den Felsen hinschleichen; und ein Berggrund, dem an sanften Krümmungen und trefflichem Anbaue wenige andere gleich kommen dürften, unterbricht die Rauhheit des Gebirges. An dem nemlichen Ufer erhebt sich das Schloß Fürstenberg, und da, wo der Rhein sich mächtig erweitert, liegt die kleine Stadt Bacharach, die im Jahre 1689 durch die Franzosen eingeäschert wurde. Ehe man noch zu derselben gelangt, werden die Weinberge größer und schöner. Der Muscateller-Wein, welcher in dieser Gegend wächst, hält die Vergleichung mit den berühmtesten Weinen aus, und wird, unter allen deutschen Weinarten vielleicht allein, selbst einen verwöhnten Gaumen mit den Reben am Rheine aussöhnen können ...
Höchst angenehm und überraschend ist bey der Rheinfahrt der Rückblick auf den zurückgelegten Weg. Ich habe dies schon einmal berührt. Die Aussichten werden uns dann so neu, daß wir sie gar nicht mehr für dieselben erkennen. Die häufigen und ungeheuern Krümmungen der Berge, und die weiten Becken des Rheines, welche von denselben Bergen eingeschlossen werden, sind vornehmlich an dieser angenehmen Täuschung schuld. Wenn wir uns auf der Mitte solcher Becken befanden, sahen wir weder, wo wir hereingekommen waren, noch konnten wir irgend einen Ausgang errathen, und mehr als einmal wurden wir, aller Geographie zum Trotze, versucht zu glauben, ein See nehme den Rheinstrom in seinen Busen auf. Aus diesem jezt erweckten, jezt wieder zerstörten Wahn quillt eine Fülle von Empfindungen, und setzt die Seele in einen freudigen Aufruhr.

Oft, wenn wir uns umgewendet hatten, waren wir zu gleicher Zeit von der vor uns liegenden Gegend so entzückt, und von der, welche hinter uns war, noch so begeistert, daß wir nicht wußten, wo wir unsere Blicke ruhen lassen sollten.

Oftmals beschäftigte sich meine Einbildungskraft mit der Vorstellung des ersten, schrecklichen Kampfes dieser Gewässer gegen den Widerstand so vieler und so ungeheurer Berge; sie verlohr sich in dem Strudel der Jahrhunderte; sie sann den wundervollen Wegen und den riesenmäsigen Arbeiten des Flusses nach. Bisweilen glaubte ich zwischen den Felsenklüften, durch die er, sich windend, einen Weg gebrochen hat, die fürchterliche Stimme eines jugendlichen Grimms zu vernehmen; ich glaubte ihn zu sehen, wie er durch das Ungestümm reissender Bergströme angeschwellt, die hohen, trotzigen Felsen bestürmte, die vor seiner Macht sich beugten, spalteten, aushöhlten und öffneten; ich sah ihn die Gestalt der schon besiegten Feinde verändern; und indem ich endlich mit den Bildern dieser verheerenden Verwandlungen den gegenwärtigen Anblick seiner stillen Gewässer und seiner lachenden Ufer verglich, erhob sich in meiner Seele das Bild eines grossen, durch die Waffen eines Eroberers verheerten Landes, das durch denselben, in dem Schoose des Friedens, zu einem frohen und dauerhaften Wohlstande gelangt ist.

Etwas über Bacharach hinaus sahen wir einige steile und abschüssige Felsen, auf deren Gipfeln jedoch kühne Reben prangten. Hier rauschte der Rhein durch die Trümmern eines andern Felsen*, den die Schiffer den Reisenden zu zeigen pflegten. Aber wir waren ganz mit der Betrachtung des Schosses Winsbach, und des alten Sitzes der Pfalzgrafen Stahleck, welches auf einem anderen Felsen liegt, beschäftigt. Die Stadt in einer höchst fröhlichen Ansicht, und die Hayne von Reben, welche sie einschliessen, erhöhte die Harmonie dieser reizenden Landschaft."
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